Menu:

Das Syndikat

by Axel Bussmer



  

Das Syndikat – Secret Service Jahrbuch 2012  Gmeiner, 2012 336 Seiten  9,90 Euro

"Unzusammenhängende Gedanken beim Lesen von „Secret Service – Jahrbuch 2012“, dem Jahrbuch der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“

Zum dritten Mal erschien jetzt im Gmeiner Verlag das Jahrbuch der deutschsprachigen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und an der bewährten Mischung wurde nichts geändert. Es gibt für meinem Geschmack zu viele Kurzgeschichten, interne Belustigungen wie Kettenkrimis und Erfahrungsberichten von Lesungen und der Jurytätigkeit, zu wenig selbstkritisch-analytische Betrachtungen zum Genre und zur eigenen Arbeit und die immer lesenswerten Befragungen der 2011er-Glauser-Preisträger Jürgen Alberts (Ehrenglauser), Kurt Palm (für den Roman „Bad Fucking“), Petra Busch (für das Debüt „Schweig still, mein Kind“), Judith Merchant (für den Kurzkrimi „Annette schreibt eine Ballade“) und Silke Lambeck (den Hansjörg-Martin-Preis für den Jugendkrimi „Die wilde Farm“).

Aber gerade die wenigen analytischen Texte geben dann doch einen Einblick in die Seele der deutschen Krimiautoren und warum mir viele deutsche Krimis nicht gefallen.

Raoul Biltgen fragte Autoren und Leser „Was ist ein Krimi?“. Nun gut, solche Definitionsbemühungen müssen vielleicht ab und zu sein, aber wenn anscheinend schon Richard Alewyn 1963 die Frage mit dem Satz „Der Kriminalroman erzählt die Geschichte eines Verbrechens“ beantwortete, wird der restliche Text eigentlich überflüssig. Gewinnbringender wäre da, wie Malte Hagener in dem Aufsatz „Der Begriff Genre“ und Jan Distelmeyer, eher nebenbei, in „'Das war deutsch, wenn ich mich nicht  irre' – Mit dem besten Mann vom BND zum Genrekino der 1960er Jahre“, die beide in dem lesenswerten Sammelband „Die Lust am Genre – Verbrechergeschichten aus Deutschland“, herausgegeben von Rainer Rother und Julia Pattis, erschienen sind, der Versuch gewesen, zu erklären, wie sich der Kriminalroman, der unbestreitbar ein Genre ist, in den vergangenen Jahren veränderte, was zum Kernbereich jedes Krimis gehört und das mit einigen neueren theoretischen Ansätzen abzugleichen.

Anne Kuhlmeyer befragte mit einem Fragebogen 119 deutschsprachige Krimiautoren und, obwohl ich die Umfrage nicht repräsentativ nennen würde, gibt es doch einige sehr interessante Erkenntnisse:

-        fast 18 Prozent der Autoren lesen selbst nicht gerne Krimis. - Hm, warum schreiben sie dann Geschichten in einem Genre, das sie nicht weiter interessiert? Denn gefragt wurde nicht, ob sie viele Krimis lesen.

-        10,3 Prozent schreiben Krimis, weil „ich besser verstehen lerne, auf welche Weise gewalttätige Menschen ticken, und mich so besser schützen kann.“ Dass die meisten Krimiautoren diese Behauptung ablehnten, liegt hoffentlich an dem zweiten Halbsatz. Wenn nicht...

-        41 Prozent schreiben Krimis, weil „ich so die Tat für mich und andere besser verstehbar machen kann“.

-        53,8 Prozent schreiben Krimis, weil „ich über die Arbeit am Krimi das Verhalten von Menschen verstehen will“.

-        17,2 Prozent schreiben Krimis, weil „ich mich durch das Krimischreiben selbst besser verstehen will“.

-        77,1 Prozent schreiben Krimis, weil „ich Figuren in existenziell bedeutsamen Situationen agieren lassen möchte“.

Gerade die letzte Begründung verrät, warum so viele deutsche Krimis (und auch andere Geschichten) so lasch sind. Denn was kann existenziell bedeutender sein, als die Entscheidung, einen anderen Menschen umzubringen? Und natürlich muss ein Krimi zeigen, wie die verschiedenen Charaktere auf eine solche Tat reagieren. Kurz: es geht hier um die Essenz von jeder Geschichte in jedem Genre. Und wenn ich als Autor genau das nicht erzählen will, muss ich mich nicht an den Computer setzen. Denn warum soll ich als Leser eine Geschichte lesen, in der Charaktere in unwichtigen Situationen sind, in denen für die einzelnen Charaktere nichts auf dem Spiel steht, in denen sie nichts erreichen wollen, in denen ich nichts über menschliches Verhalten lerne, in der ich nichts über die Ursprünge von Gewalt lerne?

Und eigentlich sollte ein Autor immer eine persönliche Geschichte erzählen, er sollte sich mit etwas beschäftigen, das ihn persönlich interessiert. Immerhin zwingt ihn keiner (lassen wir die Lohnschreiberei mal links liegen) eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Und es dauert mehrere Wochen, oft Monate, manchmal sogar Jahre, bis die Geschichte geschrieben ist. Warum sollte ich meine kostbare Zeit für etwas verschwenden, das mit meinem Leben nichts zu tun hat? Das mir als Autor keine Antworten zu meinem Leben und meinen Entscheidungen gibt. Das muss nicht unbedingt in einer sofort erkennbar persönlichen, im schlechtesten Fall sogar plump autobiographischen Geschichte sein. Denn wenn ich einen Roman aufschlage, will ich keinen Erfahrungsbericht, kein Sachbuch, lesen. Wenn der Autor , zum Beispiel, an Heimweh leidet, kann er von einen jungen Mann erzählen, der aufbricht, fremde Welten und Planeten (wenn es Science-Fiction ist) zu erobern – und dabei doch nur zurück zu seiner Jugendfreundin will. Er kann eine Geschichte erfinden, die nur auf seinen Ängsten beruht. Zum Beispiel: was würde ich tun, wenn mich ein Nachbarkind bittet, es von einer Party abzuholen und es spurlos verschwindet? Harlan Coben schrieb ausgehend von dieser „Was wäre wenn“-Frage einen spannenden Thriller.

Und natürlich muss ich mich als Autor auch in die Rolle des Täters hineinversetzen. Denn auch der Täter glaubt aus seiner persönlichen Perspektive, dass er vollkommen vernünftig handelt und nicht anders handeln kann. Wenn die meisten Krimiautoren sagen, dass sie nicht verstehen wollen, wie gewalttätige Menschen ticken (was im Falle eines Krimis die Täter, die Serienkiller, die Mörder, die Gauner sind), dann sagen sie, dass sie ihre Hausaufgaben nicht machen wollen. Dass sie keine lebendigen Charaktere schaffen wollen. Dass ihnen eindimensionale Charaktere genügen.

Kommen wir zu einem anderen Text. In „Was nicht ist, kann ja noch werden“, einem Bericht über ein Seminar an einem Gymnasium, steht, Angela Eßer, Sprecherin des Syndikats, habe erklärt, dass man mit Verworrenheit seine Leser fessele. Ich hoffe, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt, denn wenn ich verwirrt bin, verliere ich das Interesse an der Geschichte und lege irgendwann das Buch zur Seite. Verworrenheit ist der Königsweg um sein Publikum zu verlieren.

Eben deshalb versucht ein guter Autor auch nicht, seine Leser zu verwirren. Er kann sie täuschen, er kann sie überraschen, er kann sie auch in einem gewissen Rahmen belügen; obwohl das nicht die feine englische Art ist und daher sehr sparsam getan werden sollte.

Doch als Leser darf ich nicht verwirrt sein. Denn dann habe ich den Eindruck, dass auch der Autor verwirrt ist, dass er nicht weiß, was er tut, dass er Chaos mit Komplexität und Spannung verwechselt. Bei einem Buch von Jeffery Deaver oder Sebastian Fitzek, um  zwei bekannte Autoren zu nennen, die am Ende gerne mit mehreren Wendungen überraschen, bin ich nie verwirrt. Ich weiß immer, um was es geht.

Wenn ich mir aber die nächsten Zeilen durchlese, befürchte ich, dass es sich um kein Missverständnis handelt: „Nachdem Begriffe wie 'infodumping', was so viel heißt, wie 'Aussparen von gewissen Informationen zur Spannungssteigerung', eingeführt waren...“.

Autsch!

Denn, was man sich, wenn man „Infodumping“ mit einem handelsüblichen Wörterbuch übersetzt, schon denken kann, bedeutet „Infodumping“ das Gegenteil: den armen Leser mit Tonnen von irrelevanten Informationen zuschütten. Das ist normalerweise ein gutes Mittel, um den Leser zum Überblättern von Seiten oder, noch Schlimmer, zum Nicht-Weiterlesen zu verführen. Daher ist Infodumping etwas, das Autoren ähnlich konsequent vermeiden sollten, wie der Teufel das Weihwasser.

Ach, eigentlich genügt es, sich einen Film von Alfred Hitchcock anzusehen und ihn gründlich zu analysieren. Da lernt man in zwei Stunden viel darüber, wie man Informationen gut platziert und Spannung erzeugt.

Aber, wenn ich mir die Aussagen von deutschen Autoren in „Secret Service – Jahrbuch 2012“ durchlese, dann scheinen sie einen Hitchcock-Film höchstens als How-not-to-do-a-Crime-Movie-Anleitung anzuzusehen.

von Axel Bussmer