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Erich Mühsam


  

Mühsam, Erich: Tagebücher Band 1/1910-1911.  Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens. Verbrecher Verlag 2011. Leinen mit Lesebändchen. Seiten 352, Euro 28

 

Im Jahr 2011 hat Chris Hirte gemeinsam mit Conrad Piens den ersten Band der Tagebücher des deutschen Schriftstellers und Publizisten Erich Mühsam herausgegeben. Zwischenzeitlich ist im März 2012 auch der zweite Band erschienen, insgesamt ist bis 2018 die Veröffentlichung von 15 Bänden geplant.

Der erste Band ist in den deutschen Feuilletons einmütig und blattübergreifend von „taz“ bis „FAZ“ sehr positiv aufgenommen worden. Ein Echo, das Mühsam, der zeitlebens von Geldsorgen geplagt war und auf das Erbe seines Vaters spekulierte, zu Lebzeiten nicht erfahren hat.

Mühsam versucht sich mit der Herausgabe von Zeitschriften – wie dem Kain – und Mitarbeit in Zeitschriften, bei denen er oft auf einen Redakteurposten erpicht ist, deren Finanzierung aber ebenso wie die des eigenen Blattes auf tönernen Füssen steht, und Kabaretttexten – bei denen er immer hart um die Abnahme und Entlohnung kämpfen muss - über Wasser zu halten. Seine Theaterstücke werden zu seinem Leidwesen nicht gespielt. Er erliegt aber auch leicht den Verlockungen eines Bohemelebens mit Theaterbesuchen – um Jules Renard zu zitieren: „ Im Theater langweile ich mich am meisten, aber dort tue ich es am liebsten.“ - Zockereien von Poker über Billard bis Schach – amourösen Offerten, wobei seine Aktivitäten zeitweise durch eine Gonorrhoe stark eingeschränkt sind – die Zuneigung der weiblichen Widerparts aber oft auch von der Fülle von Mühsams Geldbeutel abhängen - und ausgedehnten Kneipenbesuchen. Lokalitäten wie Katie Kobus, das Stefanie, die Torggelstube – sind Mühsams, der nur möbliert wohnt, zweite Heimat. Zuweilen unternimmt man auch eine Überlandpartie in das bayerische Umland. Hin und wieder reist Mühsam durch die Lande um gegen karges Brot für die anarchistische Sache zu werben.

Mühsam ist allerdings nicht nur bei Frauen – er ist kein Freund der Monogamie-, sondern auch bei Männern und insbesondere bei Genossen stets hilfsbereit, was zuweilen schamlos ausgenutzt wird. So ist sein Gefährte aus früheren Jahren, Johannes Nohl, von Mühsams monatlichen Zuwendungen abhängig.

Insbesondere bei seinen Kneipenbesuchen trifft Mühsam die illustre Gesellschaft Münchens der Vorkriegszeit. Darunter sind einige bekannte Persönlichkeiten wie Heinrich Mann, Frank Wedekind oder auch Roda Roda, aber auch viele heute unbekannte. Der geneigte Leser sollte sich bei der Lektüre nicht von der Vielzahl der auftretenden Personen abschrecken, sondern sich auf den bunten Bilderbogen einlassen, den der Tagebuchschreiber vor ihm ausbreitet. Die Tagebücher geben nicht nur einen Einblick in Mühsams ureigenste Gefühle, sondern sie vermitteln auch eine tiefe Menschlichkeit, so ist der Autor sich seiner Schwächen, seinem Hang zum Sichtreibenlassen, seines Bartes, der ihm für den durchschlagenden Erfolg bei den Damen im Wege steht, und seiner Verschwendungssucht durchaus bewusst.

Bei der Lektüre erscheint es kaum möglich, dass es sich bei der Stadt München aus der Mühsam 1911 berichtet und dem München des Jahres 1922, in dem Lion Feuchtwangers Roman Erfolg spielt, um den gleichen Ort handelt. Vor dem ersten Weltkrieg verkehrt Mühsam in sehr freizügigen und liberalen Kreisen, in denen er gelegentlich auch Feuchtwanger trifft. 1922 ist München beherrscht von dumpfer Provinzialität. Eine Konstante zeigt sich allerdings schon 1911 ab, die bayerische Justiz hat mit der Demokratie nicht viel am Hut und so schlussfolgert Mühsam: „ Hierauf begab ich mich auf den Lokus des Justizpalastes und schiß auf Deutschlands Rechtspflege.“ (Band I, S. 312)

Das Scheitern der Räterepublik 1919 hat einige Protagonisten wie Mühsams Mentor Gustav Landauer das Leben gekostet. Mühsam hat Glück, dass er früh verhaftet wird und mit einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren davonkommt. Ironie des Schicksals wird er am 20. Dezember 1924 aufgrund einer allgemeinen Amnestie aus der Haft entlassen - genau wie der Mann, dessen mörderisches Regime Mühsama Tod am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg zu verantworten hat.

Die Geschichte der Tagebücher ist ebenso turbulent wie das Leben des Autors: Nachdem sie vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht werden konnten, floh Mühsams Witwe in die Sowjetunion und übergab die Tagebücher dem Moskauer Maxim-Gorki Institut. Nach dem Zweiten Weltkrieg übermittelte die Sowjetunion an die SED Mikrofilme mit ca. 12000 Aufnahmen. In der Sowjetunion waren allerdings mehrere Tagebuchhefte verschwunden (so auch Heft 2 bis 5) und tauchten nie wieder auf. Der humanistische Anarchist Mühsam scheint dem Gusto der ehemaligen Kremlherren nicht entsprochen zu haben. Schließlich landeten die Tagebuchkopien über die Akademie der Künste der DDR, den Ostberliner Verlag Volk und Welt bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck (www.erich-muehsam.de).

Chris Hirte hat bereits im Jahre 1985 in der DDR eine Erich Mühsam Biographie veröffentlicht. 1994 veröffentlichte er bei dtv München eine Auswahl der Tagebücher.

Conrad Piens betreibt mit seiner Frau Irina seit 1999 die Website www.muehsam.de. Neben der Herausgebertätigkeit sorgt er für die Aufbereitung der Tagebuchtexte für die Online-Edition und betreut die Website www.muehsam-tagebuecher.de

Gisela Lehmer