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Hermann Wolfgang: Die Agenblicke des Herrn Faustini. Innsbruck-Wien: Haymon Verlag 2011. Seiten 135, €

Herr Faustini sieht die Schönheit nicht mehr, er fühlt sich von der Welt verlassen, fühlt sich „wie aus der Landschaft herausgeschnitten“. Am dörflichen Leben nimmt er nicht teil, seine Nachbarn sind ihm fremd. Anstatt beim samstäglichen Rasenmäherwahnsinn mitzumachen erfreut er sich am austreibenden grünen Leben. Er stimmt auch nicht für den dorfüblichen Lokalpolitiker, sondern drückt sich vor den Wahlen seitdem die Wahlpflicht aufgehoben wurde. Herr Faustini schwebt quasi über der alltäglichen Welt. Durch genaues Beobachten nimmt er Dinge wahr, die der Alltagsmensch längst nicht mehr sieht: die leeren Versprechen der Hochglanzmagazine, die Öde und Leere der Vorortbahnhöfe, die Hoffnungslosigkeit der auf nichts mehr wartenden türkischen Einwanderer davor, den müden Blick der Männer im Biergarten. Gegen all die Fremdheit und Einsamkeit beginnt Herr Faustini eine Psychotherapie, sie soll den Riß in seinem Inneren reparieren. Doch die Therapeutin rät ihm auf Reisen seinen Mittelpunkt zu finden, den Punkt, an dem alles wieder zusammen kommt. Zufällig fällt Herr Faustinis Wahl auf Edenkoben in der Pfalz. Natürlich fährt der „Langsamkeitsspezialist“ mit dem langsamen Regionalzug. Wie immer seiht er alles, das trostlose Stadtzentrum mit Chinarestaurant, Apotheke, Reisebüro und Sparkasse, die abwesenden Blicke der Männer, das Spielen Verboten! – Schild auf dem Flecken Grün vor der Wohnanlage: „Es lohnte sich nicht, in die Gegenwart zurückzukehren, denn offenbar hielt sich niemand in ihr auf“. Aber er bemerkt auch den kleinen Mann im roten Jäckchen, der im Supermarkt nicht Essbares finden kann, er begegnet der Frau mit dem schönsten Gang und tanzt zur Boardkapelle auf einem Rheinschiff.

Schließlich findet Herr Faustini im Weinberg den Augenblick, an dem alles zusammen kommt, er spürt das Atmen der Erde: „Die vergehende Zeit war nur eine Abstraktion, ungültig und unecht. Die Zeit stand still, nur die Erdzeit verging, in so ungeheuerer Langsamkeit, dass ihm schwindlig wurde“. Herr Faustini beschließt den Pfälzer Wald zu Fuß zu durchqueren. Er ruht wieder in sich als Ganzes. Gisela Lehmer-Kerkloh