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   Lisa Lercher: Mord im besten Alter.

    Kriminalroman, Haymon 2013, tb, 208 S. €9.95.

 

        Altern bringt Probleme mit sich. Für Maja, 68 Jahre alt und nach einem Unfall schwer bedient, wachsen sie sich zu veritablen Schrecknissen aus. Denn Maja liegt im Haus Waldesruh, einer angeblich feinen Seniorenresidenz mit angeschlossener Pflegestation.

          Bald verdächtigt Maja ihren umtriebigen Neffen, sie ordentlich ins Abseits gedrängt zu haben, um an ihre wenigen wertvollen Möbel und vor allem an die gut verkäuflichen Bilder ihres toten Lebensgefährten zu gelangen. Doch nicht nur die Welt draußen hat ihren rosa Schimmer verloren: im Pensionistenheim ist der Umgang mit den alten Leuten auch wenig erfreulich. Dabei gäbe es so herrliche Typen hier, wirklich anregend und aufregend. Maja beschließt, ihre Beruhigungsmittel abzusetzen und sich über gewisse Vorschriften hinwegzusetzen. Fazit: sie gewinnt an Kraft und Energie, um freundliche Kontakte zu knüpfen, sich Gedanken über die Heimleitung zu machen, Manches zu hinterfragen. Was sie herausfindet, während Menschen sterben, die eigentlich noch nicht hätten sterben sollen, bringt ihr das Gruseln bei. Ohne dass es ihr bewusst wird, gefährdet ihre Neugier jedoch auch sie.

          So beginnt ein Plot, der allzu vertraut erscheint. Was diesen Roman jedoch besonders lesenswert macht, ist die großartige Personenzeichnung, die aus Typen Charaktere formt. Außerdem punktet Lisa Lercher, die bereits einige schwarzböse Geschichten aus der österreichischen Provinz lieferte, ohne die beengende Lade des Regionalkrimis wirklich zu bedienen, mit ihrem Sprachwitz und der erzählerischen Qualität, die den alten Herrschaften in jeder Situation ihre Würde lässt, auch wenn Fürchterliches passiert, und überraschende persönliche Facetten ihrer Helden zu einem Zeitpunkt liefert, an dem man nicht wirklich damit rechnet. Ein kiffender und undurchsichtiger Frühpensionist mit etwas zweifelhaften ethischen Grundsätzen ist nur Einer, der,  - scheinbar zufällig? -, an der Gewaltspirale dreht.

          Damit schafft sie in einem relativ entspannten Krimi einige wohl dosierte Einblick in die menschliche Psyche, die schmerzen und beunruhigen. Ein weiteres Plus dieses Romans ist die herrlich vielschichtige Graumalerei, in der Gute und Böse als das dargestellt werden, was sie sind: komplizierte Menschen mit kompliziertem Gefühlsleben und einer Vergangenheit, die sie mehr geprägt hat als ihnen vielleicht lieb und bewusst ist.

          Die Autorin, die als promovierte Soziologin in Wien in der Bundesverwaltung arbeitet, hat eine Nase für politisch relevante gesellschaftliche Themen, was ihre ständig wachsende Leserschaft honoriert. Lisa Lerchers souveräner Umgang mit pointiert eingesetztem Österreich Idiom wird im angehängten Glossar zu einem Goodie für deutsche und Schweizer Leser: ein kleiner, aber feiner Sprachkurs, der zusätzliche Unterhaltung verspricht.

By Beatrix Kramlovsky.