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                  Sebastian Fitzek: Noah.

                               Bastei Lübbe 2013.

„Noah“ ist Sebastian Fitzeks umfanggreichstes Werk, was nicht nur für die Seitenanzahl gilt, sondern auch für die Schauplätze. ›Noah‹ ist sein erstes weltumspannendes Werk, auch weil die Themen uns alle betreffen.

Im 1. Kapitel führt uns Sebastian Fitzek nach Lupang Pangako, Quezon Citys größtem Slum im Großraum Manila, zu Alicia einer alleinerziehenden Mutter, die es nicht mehr schafft, ihre beiden Kinder Jay und Noel zu versorgen. Noel ist ein Säugling und auf Muttermilch angewiesen, die angesichts der Tatsache, dass Alicia seit Tagen nicht gegessen hat, versiegt. In einem Topf kocht sie Steine, um ihren älteren Sohn Jay davon abzulenken, dass es doch wieder keine Suppe geben wird, und er auch diesmal vor Erschöpfung mit knurrendem Magen einschlafen wird. Jay ist ein Scavanger, der auf der Müllkippe Kupferdraht aus Kabeln pult, um das gewonnene Rohmaterial für ein paar Pesos zu verkaufen.

Alicia ist sicher, dass ihr Baby die nächsten Tage nicht überleben wird, wenn nicht ein Wunder geschieht. Doch dann kommt ein viel größeres Problem auf sie zu. Die Armee riegelt den Slum ab, niemand darf mehr hinaus, für Alicia und ihre Kinder das Todesurteil...

Dann switched der Roman, für Fitzek fast schon klassisch, nach Berlin. Im Mittelpunkt steht ein Obdachloser, der zusammen mit seinem Freund Oscar im Untergrund lebt. Sie schlafen in U-Bahngängen und -schächten, Essen bei der Wohlfahrt, so wie unzählige andere Heimatlosen in Berlin. Nur eines macht ihn besonders: er weiß weder wer er ist, noch wie er heißt oder wo er herkommt. Alle nennen ihn ›Noah‹, weil dieser Name in krakeligen Buchstaben auf seiner Handfläche tätowiert ist. Aber woher kommt die Tätowierung? Ist das wirklich sein Name? Und warum kann er sich an nichts erinnern? Immer wieder blitzen Erinnerungsfetzen in seinen Gedanken auf, die ihm jedoch nur bedingt weiterhelfen und rasch enden.

Seinem Freund Oscar machen die Erinnerungslücken nichts aus, obwohl er ein Liebhaber von skurrilen Verschwörungstheorien ist. Seine eigenen abstrusten Theorien teilt er auch Noah mit. Zusammen läuft das ungleiche Paar, das sich trotzdem perfekt ergänzt durch Berlin. Sie passen aufeinander auf, wobei oft nicht klar ist, wer hier auf wen aufpasst. 

Über allem schwebt eine dunkle Bedrohung, die sich Manila Grippe nennt und weltweit viele Tausende Menschen dahinrafft und für die es angeblich Impfstoffe gibt, an die aber nur die Elite der Bevölkerung rankommt. Keiner weiß, wo der Virus herkommt, doch sobald man sich angesteckt hat, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis man stirbt. Ab dem Ausbruch der Krankheit hilft nämlich kein Medikament mehr.

Da wird Noah auf einen Zeitungsbericht aufmerksam in dem ein Bild abgedruckt ist, das ihm sehr bekannt vorkommt. Der Maler dieses Werks wird international gesucht und der Wert des Gemäldes wird mit 1 Million Dollar geschätzt.

Noah ruft mit den letzten Münzen bei der angegebenen Nummer an, gerät dabei an die Journalistin Celine, die in New York City lebt und ihm zuerst gar nicht glaubt, dass er der Maler ist. Erst als er ihr seinen vermeintlichen Namen sagt, wendet sich das Blatt. Bald ist ihm ein Auftragskiller auf den Fersen und Noah macht eine schockierende Entdeckung, die nicht nur ihn betrifft, sondern die ganze Welt bedroht...

Der Thriller zieht die Leser von Anfang an in das Geschehen. Ab der Szene mit dem Telefonat nimmt der richtig Fahrt auf. Eine atemlose und gefährliche Reise beginnt, die den Leser nach Rom, Manila, Amsterdam, New York, London und Paris führt, was für einen Roman aus Fitzeks Feder völlig neu ist, da seine bisherigen Romane ausschließlich in Deutschland spielen.

Aber das ist nicht alles, was an diesem Roman anders ist, als an den Vorgängern. ›Noah‹ ist Fitzeks zehnter Roman und diese runde Zahl gilt es zu feiern, vielleicht ist ›Noah‹ deshalb auch ein Ausnahmewerk des Schriftstellers, von dem er selbst zugibt, dass es ein sehr wichtiges, ein sehr persönliches Buch ist, und es ihm vermutlich schwerfallen wird, noch einmal einen vergleichbaren Thriller zu schreiben. Fans wollen natürlich nichts davon hören.

Obdachlosigkeit, Hunger, Armut, Kälte, Einsamkeit, Gleichgültigkeit und Menschenhandel sind keine fiktiven oder erfundenen Probleme, sondern allgegenwärtig. Gepaart mit dem prägnanten, sich nicht mit seitenlangen Beschreibungen aufhaltenden, gewohnt packenden Schreibstil, macht das Sebastian Fitzeks neuen Thriller so eindrucksvoll und überzeugend. Das Gelesene hallt noch lange nach, sorgt für jede Menge Diskussionsstoff und wird selbst diejenigen zum Nachdenken bringen, die bisher ihre Augen vor all diesen Problemen unserer Zeit verschlossen haben. Ob es noch rechtzeitig zu einer drastischen Umkehr kommen wird, um die globalen Auswirkungen abwenden zu können, sei dahingestellt.

›Noah‹ ist auf jeden Fall ein spannender Thriller, der von der ersten bis zur letzten Seiten fesselt und selbst Lesern gefallen müsste, die mit Fitzeks Psychothrillern bisher nichts anfangen konnten.

Der Autor versteht es meisterhaft, die Spannung konstant auf hohem Nivau zu halten. Kurze, knackige Kapitel, die stets mit einem Cliffhanger enden, sind eine Spezialität des Autors, seine lebensnahen Dialoge eine andere.  

Jennifer Wind