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                   Sabine Naber: Marathonduell.

                                  Gmeiner Verlag 2013.

Die Wiener Autorin Sabina Naber ist längst keine Unbekannte mehr. Seit Jahren gehört sie zur österreichischen Krimiszene und ist auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt, und das nicht erst seitdem sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis (im Jahre 2006 in der Sparte Kurzkrimis) ausgezeichnet wurde. Schon fünf Jahre vorher startete sie ihre Krimireihe rund um die Wiener Kriminalkommissarin Maria Kouba, die sich mittlerweile einer großen Fangemeinde erfreut. Klar, dass Sabina Naber nach sechs Kouba-Romanen etwas Neues ersinnen und schreiben wollte und Lust bekam neue Figuren zu entwickeln.

›Marathonduell‹ ist somit der Auftakt einer neuen Krimireihe, die wieder in Wien spielt und vor kurzem sogar für den Leo Perutz Preis 2013 nominiert wurde. Und das zu Recht, wie ich nach der Lektüre des Romans bestätigen kann. Schon der verheissungsvolle Trailer hat Lust auf das Buch geweckt.

Im Mittelpunkt steht diesmal ein Duo der besonderen Art: Gruppeninspektorin Daniela Mayer und Chefinspektor Karl Maria Katz. Beide sind sehr gegensätzlich: er ist intuitiv und ein bisserl verschroben, teilweise grob; sie eine realistische Pragmatikerin und ein bisserl gefühlsarm. Gerade deshalb ergänzen sie sich gut.

Anders als bei den Kouba Romanen ist von Anfang an klar, dass sich zwischen den beiden Ermittlern keine Liebesgeschichte entwickeln kann. Schuld daran ist weder der große Altersunterschied noch die charakterlichen Merkmale, sondern Daniela Mayers sexuelle Präferenz; schlicht: sie steht auf Frauen. Und genau das erweist sich im Roman als eines der Grundprobleme, warum Daniela Mayer, die eigentlich lieber eine ruhige Kugel schieben würde, auf einmal beinahe freiwillig Überstunden macht. Ihre Lebensgefährtin Carmen hat sie nach einem Streit hinausgeworfen und somit braucht die Kriminalbeamtin dringend Geld. Schade findet sie im übrigen nicht den Verlust der Freundin, vielmehr trauert sie der Dachterassenwohnung nach, die ein echtes Juwel ist, das in Wien erstens nicht so leicht zu finden und zweitens unbezahlbar ist. Spätestens jetzt weiß man, dass Daniela Mayer ein eigenwilliger Charakter ist, bei der große Emotionen selten vorkommen. Manche Leser/innen dürften sie deshalb zu Beginn nicht sympathisch finden. Andererseits lässt ihre Gefühllosigkeit viel Raum zur Entwicklung.

Mayer und Katz treffen aufgrund eines verzwickten Falls direkt vor der Tür des Opfers aufeinander und sind sich gleich zu Beginn unsympathisch. Empfangen werden sie hingegen von der Nachbarin Susanne Ilic, die auch die Polizei gerufen hat, weil sie »ein Rumpeln gehört hat«.

Das Opfer Elisabeth Zwirn wird nur mit einem roten Kimono bekleidet und mit bis zur Unkenntlichkeit zugerichtetem Gesicht in ihrer Wohnung aufgefunden. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass sie mit einem Hammer erschlagen wurde. Katz hält ihren Verlobten Andreas Niederle für schuldig, doch der ist in der Tatzeit den Marathon gelaufen, wie der Zeitnahmechip bestätigt. Ist der Mörder wirklich unschuldig oder hat er einfach das Rezept für den perfekten Mord entwickelt?

Bei ›Marathonduell‹ handelt es sich um einen Suspense Krimi mit Thrillerelementen, bei dem Mörder und Tathergang von Anfang an bekannt sind. Die Leser sind den Ermittlern mehrere Schritte voraus. Die Spannung wird hier durch Mitfiebern mit dem Ermittlerteam (Werden sie es schaffen, den Mörder zu überführen?)erzeugt und der Frage: Wie hat der Mörder es geschafft, das scheinbar perfekte Verbrechen zu begehen?

Zusätzlich sorgen überraschende und drastische Wendungen für aufrüttelnden Kick.

Die Hauptfiguren sind nicht von Anfang an sympathisch, man wächst aber mit der Zeit hinein, außerdem lässt dieser Umstand viel Entwicklungspotenzial zu. Sie sind auf jeden Fall sehr facettenreich beschrieben und agieren ihrem Charakter entsprechend. In den Folgeromanen wird man sicher einen tieferen Einblick in die Charaktere bekommen. Schön ist, dass auch die teilweise außerordentlich sympathischen Nebenfiguren genug Raum bekommen. So findet jede/r Leser/in eine Identifikationsfigur.

Der Schreibstil ist gewohnt gut, schnörkellos und mitreißend. Das Buch liest sich flüssig. Die Dialoge sind locker und mit dem typischen Wiener Schmäh gewürzt. Ein Markenzeichen der Autorin ist auch, dass sie vor etwas derberen Ausdrücken nicht zurückschreckt. Ihre Figuren reden und denken quasi unzensiert. Für ein besseres Verständnis findet sich ein Glossar nach der Danksagung, in dem einige der Begriffe erklärt werden.

Das Buch ist in drei Haupterzählsträngen und zweier sich überlappender Zeitebenen gegliedert. Da ist zum einen der Erzählstrang der laufenden Ermittlungen, der wiederum alternierend von zwei Erzählsträngen unterbrochen wird, in denen jeweils eine männliche Person den Marathon läuft, wobei nicht gleich klar ist, wer die jeweiligen Männer sind. Man nimmt jedoch an, dass es sich zumindest bei einem der ›Glatzköpfe‹ um den Mörder handelt.

Interessant sind diese Einschübe nicht nur für passionierte Läufer, die ohnehin wissen, wie es sich anfühlt eine lange Strecke zu laufen, sondern auch, oder vor allem, für jene, die noch nie einen Marathon gelaufen sind, da man den Lauf quasi aus Sicht der beiden Männer mitläuft, mit allen Entbehrungen, Qualen, Ängsten und Schmerzen, die das mit sich bringt. Sabina Naber gelingt diese Innenschau mit Bravour. Der Leser erfährt sehr eindrucksvoll wie Kräfte raubend und anstrengend ein Langstreckenlauf ist.

Die Kapitel sind angenehm kurz, die Perspektivewechsel sehr moderat gesetzt. Zusammen mit der dicken und dunklen Schrift liest sich das Buch schnell und angenehm.

Der erste Fall von Mayer & Katz ist ein packender ›Wettlauf‹ für jeden Krimileser mit einem ungewöhnlichen Ermittlerduo und jede Menge Lokalkolorit. ›Marathonduell‹ ist somit ein überaus gelungener Serienauftakt von einer hochtalentierten Autorin, die es versteht den Spannungsbogen vom starken Beginn bis zum fulminanten Showdown auf durchwegs hohem Niveau zu halten und einen glaubhaften Plot zu stricken.

Jennifer Wind