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 Christine Lehmann: Die Affen von Cannstatt.

Kriminalroman, Ariadne im Argument Verlag 2013, Tb,285 S.

Mörderinnen und die Frage nach dem, was Menschen ausmacht

Wer mit Christine Lehmanns Serie rund um Lisa Nerz vertraut ist, wird die Journalistin aus einer neuen Perspektive kennen lernen. Alle anderen LeserInnen können sich auf einen ungewöhnlichen Krimi freuen, der Verbrechen und ihre Folgen aus schmerzhaft bedrängender Sicht beschreibt.

Schon der Eröffnungssatz der chronologisch erzählenden Verteidigung „Ich bin die Tochter einer Kindsmörderin“ lässt vielschichtige Möglichkeiten erahnen. Dass es trotzdem ein Kammerstück wird, liegt am Ort, von dem aus Camilla Feh ihre Geschichte präsentiert: der U-Haftabteilung für Frauen in Schwäbisch Gmünd. Lehmann hat wie immer gekonnt recherchiert und ihr Wissen spannend und irritierend verwoben. Nach dieser Lektüre bleiben beunruhigende Fragen, ist die Unterteilung in Gut und Böse noch schwieriger und die Suche nach Gerechtigkeit für Alle von noch mehr Zweifeln begleitet.

Camilla hat vor Jahren die Bonobos im Menschenaffenhaus der Wilhelma in Stuttgart studiert, eine glänzende Forscherkarriere hätte möglich sein können. Einiges trug dazu bei, dass sie nicht auf ihre Fähigkeiten vertraute, das Studium schmiss, die Beziehung zu Till, ihrem alternativ agierenden Revoluzzerfreund beendete, sich endlich, weit unter ihren Möglichkeiten, in der Bürowelt verdingt. Camilla trägt schwer an ihrer Herkunft, die ihr von den liebevollen Pflegeeltern irgendwann als Halbwahrheit enthüllt wird, mehr Rätsel als Lösungen für das heranwachsende Kind. Wie der Zufall es will, stellt sich als einer ihrer Vorgesetzten Till heraus, der „etwas aus sich gemacht hat“, dem Geld verpflichtet. Verrat auch hier, wie es Camilla scheint, die ständig versucht, Beweggründe zu analysieren, aber ihr Umfeld nie argwöhnisch beobachtet. Als Till eines Tages grausam zerfleischt im Käfig der Bonoboweibchen entdeckt wird, ist Camilla noch nicht klar, was auf sie zukommt, welches fürchterliche Jahr auf sie wartet.

Lisa Nerz taucht plötzlich als Nebenfigur auf, eine widersprüchlich agierende Frau, die versteckt Hintergrundinformationen sammelt - und diesmal nicht die richtigen Schlüsse zieht. Sie setzt vorschnell den Rechtsapparat in Gang, fatal die falsche Richtung vorgebend. Camilla sitzt in der Falle.

Was alles passiert, um nicht nur diesen Knoten zu lösen, hat Christine Lehmann dicht komponiert. Es geht um ethische Grundsätze, Fragen der Moral, um das Wesen der Liebe, um verbrecherische Kreativität und das Ringen um Vergeltung und Gerechtigkeit. Im Ton hält sich die Autorin bewusst zurück. Die Geschichte wird in zwei Strängen präsentiert, die einander teilweise überlappen, teilweise ergänzen und stilistisch klar unterschieden sind. Trotzdem sind beides die Stimmen Camillas und das macht das Buch auch erzählerisch so interessant. Es verlangt genaues Lesen, um die Zeitebenen getrennt zu halten, und es verlangt gegen Ende einen guten Magen, um die angedeuteten Bilder (Lehmann beschreibt nur das absolut Notwendige, aber das reicht) zu vertragen. Dass man einen Menge Fakten über Menschenaffen und soziologische Ähnlichkeiten mit uns erfährt, macht die Lektüre nur spannender.

Dies ist ein ungewöhnlich erzählter und berührender Krimi mit Personen, die einem zu Beginn nicht unbedingt sympathisch sind, und die uns Christine Lehmann trotzdem sehr nahe bringt. 

Beatrix Kramlovsky