Menu:

Book covers




  

      Lisa Lercher: Faule Marillen.      

Ein Wachau-Krimi von Lisa Lercher

Haymon TB 2015, 268 S. ohne Glossar

Nichts ist so verführerisch wie eine Idylle mit blutigen Geheimnissen. Die Wachau, in manchen Monaten ein überlaufener Touristenmagnet, wird in diesem Buch zu einem seltsam dunklen Ort voll unterschwelliger Gewalt. Dabei präsentiert Lisa Lercher in „Faule Marillen“ alle Zutaten, die aus der Wachau einen so hinreißenden Landstrich machen: das malerische Südufer der Donau mit seinen ruhigen Auen, hinter denen sich die Obstgärten hin zu den Dörfern erstrecken, den Blick zwischen den Rieden hinüber auf die steilen Weinterrassen.

             Major Paul Eigner soll sich nach einem Herzinfarkt nicht allzu sehr anstrengen und wird aus Wien in sein Geburtsdorf versetzt. Jahrelang hat er den Ort nur über sporadische Besuche wahrgenommen, der Vater versinkt in der Demenz, die Schwester Hanni ist mit Familie und Obstgartenbetrieb ausgelastet. Behutsam, ja behäbig setzt die Handlung ein, Lercher schafft es, trotz des Knochenfundes gleich zu Beginn, das Tempo zurückzunehmen, eine bösartige Ruhe zu verbreiten. Wie Komareks Polt im Weinviertel arbeitet auch ihr Eigner faktisch in Echtzeit, die Langsamkeit hat System und entwickelt sich zu einem Motor, der die Geschichte immer spannender vorantreibt.

            Das unvollständige Skelett gehört, soviel ist relativ bald klar, dem vor zehn Jahren verschwundenen Dorfpfarrer, einem Feschak sondergleichen, der Jugend und Fortschrittliche auf seiner Seite hatte, die Frauen sowieso. Eigner, beruflich gebunden an Karriere geile Polizisten, stößt auf Schweigen, auf dumpfe Gewalt, auf mächtige Interessensgruppen. Die malerische Region entpuppt sich auch als Hort ewig Gestriger, unbarmherziger Engstirnigkeit und Gier. Klischee! mag manche Lesende denken, aber so einfach ist es nicht. Denn Lisa Lercher hat ein Ohr für Zwischentöne, für Wahrheiten, die gerade noch verträglich sind und trotzdem glaubhaft.

            Eigner, gefangen in Schuldgefühlen wegen seiner eigenen verkorksten Familiensituation, entdeckt alte Geheimnisse. Der Alkohol löst manche Zunge und manch Hinterfotziger streut böse Gerüchte. Gründe für Mord gibt es plötzlich genug. Und trotzdem passt wenig zusammen. Als ob das nicht genug wäre, brennt auf einmal der Hof einer verwirrten Einzelgängerin nieder. Brandstiftung, Mord und das traurige Sterben einer alten Zeugin machen Eigner zusätzlich zu schaffen.

            Zum Schluss, als sich alles klärt, wird es fast ein bisschen viel der Motive. Aber auch hier findet Lercher eine originelle Lösung, die Geschichte abzuschließen. Menschliche Schwächen, Verfehlungen und Begierden regieren Chaos und oberflächliche Ruhe. Das hat die politisch und sozial engagierte Schriftstellerin, deren Romane so unprätentiös in leisem Ton (österreichischer Prägung) daherkommen und von denen einer bereits verfilmt wurde, wirklich gut erkannt und überzeugend dargestellt.

By Beatrix Kramlovsky.