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      Petra Ivanov: Heisse Eisen.      

Appenzeller Verlag 2015, geb., 336S.

Moritz Kinast ist Architekt und Lokalpolitiker, involviert in grüne Bürgerinitiativen, überzeugter Umweltschützer, Gerechtigkeitsfanatiker. Nicht immer hat er Erfolg. Meist wird ihm gar nicht klar, dass er tatsächlich Manches bewegt und verändert. Er steckt müde und frustriert als Mitfünfziger in seinem Leben fest, verheiratet mit dem Gefühl, nicht mehr zu genügend. Auch als Vater ist er sicher, sich zu wenig auf seine Tochter eingelassen zu haben. Er ist alleine zuhause, als er nach einem seltsamen Anruf noch das Haus verlässt. Ab da ist er verschwunden und seiner Familie stehen erschütternde Wochen bevor.

        An den Ufern des Züricher Sees wohnen die Begüterten, nicht alle sind von einem

öffentlichen Rundweg begeistert, auch wenn ihre Gärten auf Gemeindeboden liegen; Gewohnheitsrecht scheint bei gefüllter Geldbörse noch stärker zu sein. Dass Moritz Kinasts Bruder zu diesen Menschen gehört, lenkt den Verdacht bald auf ihn. Jedoch geschickt setzt Ivanov Entdeckungen und Details ein, und schnell wird klar, dass nichts so ist wie es scheint.

        Die Schweiz unterscheidet sich in Vielem von den anderen deutschsprachigen Ländern. Wer

sich auf das besondere Biotop Zürich aus dem Blickwinkel der Polizei einlassen möchte, dem wird mit dem neuen Roman Petra Ivanovs ein Gustostück geboten. Man darf sich auf ihre akkurate Recherche verlassen, auf Detailgenauigkeit, die nie auf Kosten der Spannung geht, auf ein Thema, das die Autorin mit Empathie darstellt. Wie leicht verführbar sind wir? Wie sehr lassen wir uns auf dubiose Angebote ein? Wie offen sind Internetforen mit zumindest problematischem Inhalt für Jugendliche zugängig? Wie sehr werden familiäre Fassaden geschützt, den eigenen Kindern jedoch keine Geborgenheit und keine Liebe ohne Leistungsdruck gewährt? Immer weitere schmerzhafte Facetten werden bei dieser Spurensuche offenbart, die zeitgleich mit den bösen Vorbereitungen für eine brutzelnd heiße Flammenbotschaft abläuft.

        Der Roman funktioniert eigenständig, man braucht die Lektüre der anderen Serienteile nicht, um den Ermittlern folgen und ihre privaten Probleme verstehen zu können. Regina Flint, die Chefin des Teams, ist diesmal alleine gelassen als Alleinerzieherin, und mit Kollegen unterwegs, die alle vor wichtigen Liebesentscheidungen und Lebensveränderungen stehen. Das ergibt einen ausgesprochen durchkomponierten Kontrapunkt zu dem eigentlichen Fall. Denn der geht im wörtlichen Sinn unter die Haut.

        Das Entsetzen über den Mord und seine Inszenierung umhüllt Petra Ivanov gekonnt mit der  Ermittlungsarbeit, die persönlichen Befindlichkeiten der Beamten, die Empathie, das Misstrauen, den Trost, den sie einander spenden können, den Neid, der hoch flammt, der Einsamkeit und der Angst davor, die nicht nur ihr Leben beeinflusst, sondern auch das der Opfer und Täter, die sie verfolgen. Das macht den Roman zu einem dichten Sittengemälde. Kein Wunder, dass Ivanovs Fans auf Fortsetzungen warten, dass auch die neuen Leserinnen wissen wollen, wie es in Zürich weitergeht.

By Beatrix Kramlovsky.