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Wieninger, Manfred : 223 oder Das Faustpfand, 236 S. Residenz Verlag, St. Pölten - Salzburg - Wien 2012. € 22,99.

Zu Beginn der Lektüre von 223 ist der erste Eindruck ein weiteres Werk, das sich mit den unmenschlichen Todesmärschen der Opfer des Nationalsozialisten zum Kriegsende, hier von ungarischen Juden, die von Wien mit dem Ziel KZ Mauthausen aufbrechen müssen. Es ist wichtig, dass dieses Geschehen aufgearbeitet wird, aber nichts Neues.

Doch mit zunehmender Lektüre zieht Wieninger den Leser mit einer gelungenen Mischung von genauer Darstellung und eigener fiktionaler Aufbereitung des Geschehens in seinen Bann. Wieninger baut sein Buch auf minutiöser Recherche der Quellen auf, schildert dann den Ablauf aber aus der subjektiven Sicht der Zeugen, was der Schilderung eine noch größere Authentizität verleiht. Die Motivation und Situation jedes einzelnen ist sehr anschaulich – sowohl der Opfer, der lokalen Größen, der Gendarmen als auch der örtlichen Bevölkerung, die teilweise mehr gesehen hat als sie aussagt. So müsste es gewesen sein, denkt man sich bei der Lektüre.

 Besonders beeindruckend ist die Darstellung des Revierinspektors Franz Winkler, stellvertretender Leiter des Gendarmeriepostens Persenbeug im Kreis Melk. Winkler führt eine Tatbestandsaufnahme = kriminalpolizeilicher Ermittlung wegen der Tötung von Juden durch die SS während des Dritten Reiches durch. Ein SS Kommando hat in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 in einer geplanten Aktion 223 ungarische Juden aus dem Auffanglager auf dem Gebiet der Gemeinde Hofamt Priel in Niederösterreich werden erschossen, die Opfer mit Benzin übergossen und dann in Brand gesetzt. Lediglich 9 Personen überleben. Winkler ist kein Held. Neben Pflichterfüllung wird sein Handeln sehr stark von taktischen Überlegungen geleitet. Schließlich sind die Russen nur noch wenige Kilometer entfernt und er fürchtet bei deren Einmarsch Vergeltungsmaßnahmen. Auch wenn sich die Naziwürdenträger wie sein Vorgesetzter Duchkowitsch, der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter wegducken bzw. sogar seine Anordnungen zur Behandlung der Leichen- Winkler lässt die Dokumente und letzten Habseligkeiten der Opfer sicherstellen - und deren Begräbnisse befolgen, handelt er nicht ohne Risiko, denn im nahen Melk arbeiten zu diesem Zeitpunkt noch die NS Standgerichte.

Angesichts dieser persönlichen Courage ist es umso bedrückender, das die Ermittlungen nach dem Kriege im Sand verlaufen, Fotos und Dokumente verschwinden aus den Akten. Die Tat bleibt ungesühnt.

Gisela Lehmer