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Dominique Manotti: Einschlägig Bekannt – Hamburg, Argument Verlag 2011, Kart., 250 S., € 12,90

Aufhänger von Manottis Krimi Einschlägig Bekannt ist die Situation in den Vorstädten – den sogenannten Banlieues – der großen französischen Metropolen. In den Banlieues, in denen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund ohne soziale Perspektive leben, hat sich besonderer sozialer Sprengstoff angesammelt. So ist es auch in der fiktiven Pariser Vorstadt Panteuil. Dort leben in drei abbruchreifen Gebäuden Zuwanderer aus Mali, bei denen die sozial hergebrachten Strukturen mit einem Clanchef noch funktionieren. Aber auch jugendliche Kleinkriminelle aus allen ehemaligen französischen Kolonien fristen hier ihr Dasein in der Illegalität. Angeheizt wird der soziale Sprengstoff noch durch Polizeikräfte vor Ort, die sich durch eine Melange aus Unerfahrenheit, Korruption, Bürokratie und Brutalität auszeichnen. Der Schlagstock sitzt locker, es trifft auch schon einmal die eigenen Leute und mit polizeilicher Aufklärungsarbeit hat man wenig im Sinn. 
Zugleich schildert das Buch auch das Duell zweier grundverschiedener Protagonistinnen. Auf der eine Seite die Leiterin des örtlichen Kommissariats, die blonde gut aussehende Madame Le Muir, deren Vater Infanterieoberst im Algerienkrieg war, und auf der anderen Seite die Ermittlerin Noria Ghozali, bekannt aus Manottis Werk Roter Glamour, die algerische Wurzeln besitzt und sich mühsam von den patriarchalischen Fesseln ihrer Herkunft befreit hat. Le Muir hofft mit ihrem Projekt der Nulltoleranz die sozialen Brandherde auszutrocknen und innenpolitisch bei den Rechten zu punkten. Da kommt es ihr gerade recht, dass zwei der abbruchreifen Gebäude in Flammen aufgehen. Die 15 Toten sind für sie nur ein leider unvermeidbarer Kollateralschaden. Ghozali will dieser Entwicklung Einhalt gebieten, denn die heruntergekommenen Wohnblocks sind klammheimlich von Berufskriminellen billig aufgekauft worden, die nun von der städtebaulichen Entwicklung des Geländes profitieren wollen.
Manotti bietet erneut einen Einblick in die französischen Sozialstrukturen, den Politikbetrieb und den Polizeiapparat, von dem man nur hoffen kann, dass er nicht der Realität entspricht. Hieran lassen ihr sachlicher und realitätsnaher Stil aber kaum Zweifel aufkommen. Manotti erzählt ihre Geschichte wie gewohnt mit viel Tempo aus unterschiedlichen Perspektiven, wodurch sie vielen Charakteren auf fesselnde Weise Leben einhaucht.
Manottis Kriminalromane sind mehrfach preisgekrönt. Einschlägig Bekannt wurde im Jahr 2010 als bester französischsprachiger Kriminalroman mit dem Trophée 813 ausgezeichnet. Bereits im Jahre 2007 hatte sie für Lorraine Connection diesen Preis bekommen.
Gisela Lehmer