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   Manfred Wieninger: Die Banalität des Guten.

    Feldwebel Anton Schmid. 

    

Der österreichische Autor Manfred Wieninger – bekannt geworden durch seine Kriminalromane um den „Diskont-Detektiv“ Marke Miert -  hat sich zuletzt mit Themen aus der Zeit des Nationalsozialismus befaßt. Im Jahr 2012 hat er den Roman 223 oder das Faustpfand vorgelegt. Es geht dabei um einen Todesmarsch jüdischer Zwangsarbeiter Ende April 1945 in Melk/Niederösterreich. Der Revierinspektor Franz Winkler führt eine Tatbestandsaufnahme = kriminalpolizeilicher Ermittlung wegen der Tötung von Juden durch die SS während des Dritten Reiches durch. Ein SS Kommando hat in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 in einer geplanten Aktion 223 ungarische Juden aus dem Auffanglager auf dem Gebiet der Gemeinde Hofamt Priel in Niederösterreich erschossen. Winkler ist kein Held. Neben Pflichterfüllung wird sein Handeln sehr stark von taktischen Überlegungen geleitet. Schließlich sind die Russen nur noch wenige Kilometer entfernt und er fürchtet bei deren Einmarsch Vergeltungsmaßnahmen.

Wieningers Buch beruht auf mit einer gelungenen Mischung von genauer Darstellung und eigener fiktionaler Aufbereitung des Geschehens. Er baut sein Buch auf minutiöser Recherche der Quellen auf, schildert dann den Ablauf aber aus der subjektiven Sicht der Zeugen, was der Schilderung eine noch größere Authentizität verleiht.

Sein neustes Werk, Die Banalität des Guten: Feldwebel Anton Schmid, verzichtet auf diese Verwebung von Fakten und Fiktion. Laut Untertitel handelt es sich um einen Roman in Dokumenten. Wieninger verwendet ausschließlich Originalquellen oder Erinnerungen von Zeitzeugen.

Feldwebel Anton Schmid aus Wien ist in den Jahren 1941/42 Leiter der Versprengten-Sammelstelle im von den Nazis besetzen Wilna/Litauen. Er hilft Juden aus dem Ghetto, in dem er ihnen gefälschte Papiere beschafft oder sie aus Wilna in das Ghetto nach Bialystok, wo die Juden bessere Lebensbedingungen vorfinden und noch keine Massenerschießungen stattfinden. Einigen seiner Schützlinge gelingt schließlich die Flucht, andere Beteiligung sich am Widerstand gegen die Nazis, so im August 1943 am Aufstand im Bialystoker Ghetto. Schmid wird verraten, zum Tode verurteilt und am 13. April 1942 in Wilna hingerichtet. Im Mai 1967 wird er von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet.

Neben spannenden Passagen, die insbesondere das Schicksal von Schmids Schützlingen betreffen, enthält das Buch auch viele Auszüge aus Briefen Schmids an seine Familie, in denen es um Banalitäten – wie das Schmidsche Elektrogeschäft in Wien geht, Eintreibung von Aussenständen von Kunden, versandt Päckchen oder das Winterfestmachen des Gebäudes. Der Leser denkt, um wieviel spannender eine Gegenüberstellung Schmids mit seinem österreichischen Landsmann Franz Murer, der de facto Leiter des Wilnaer Ghettos war, gewesen wäre. Murers Sohn, ein FPÖ Politiker, wollte übrigens noch lange nach dem Krieg die Unschuld seines Vaters beweisen.

Doch genau das will Wieninger nicht, er will einen unverstellten Blick auf die Banalität des Guten. Anton Schmid war kein intellektueller, moralisierender Mensch. Die von ihm geretteten bescheinigen ihm vielmehr ein großes Maß an Naivität: „ ich weiß nicht, dass der Mann auch nur realisiert hat, dass er deutscher Wehrmachtsangehöriger ist. Er war österreichischer Monarchist und dazu noch Sozialdemokrat“  und Lebenslust „… und dann hat er daß groß mit Singen gefeiert und mit Trinken und so weiter“.

Aber Schmid konnte im Gegensatz zu dem ganz überwiegenden Teil seiner Zeitgenossen zwischen Gut und Böse, Falsch und Richtig, Anständig und Unanständig unterscheiden. Hierzu bedurfte es keiner Reflektion seines Handels, sondern das richtige zu tun war für ihn selbstverständlich.

By Gisela Lehmer.