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      Jutta Motz: Blutfunde.

Roman, Elster Verlag 2013, 361 S. geb., 

mit einem Nachwort der Autorin und Literaturverzeichnis

In einer stürmischen Nacht werden im Mittelmeer Flüchtlinge über Bord eines Schlepperschiffes gezwungen. Fast alle ertrinken. In den folgenden sechzehn Tagen entwickelt sich eine Spirale von Gewalt, Verrat und einer erstaunlich effizienten Hilfe. Erstaunlich nicht nur, weil man gegen mafiose Strukturen ankämpfen muss, sondern auch, weil es um die Beweiserbringung über ein groß angelegtes internationales Schleppernetz geht, - und zu viele politische Institutionen sich mit Scheuklappen abwenden, sich vor der Verantwortung drücken.

            In die Tragödie sind Hakim, ein ägyptischer Polizeioffizier, Gioia, eine römische Anwältin, ihr Bruder Teo, ihre englische Freundin Jane und deren Verlobter John verwickelt. Vor allem aber erweisen sich eine Handvoll Karmeliterinnen in einem armseligen Kloster nahe der Küste als die eigentlichen Heldinnen. Sie werden von einem Arzt und seiner Frau handfest unterstützt, aber gleichzeitig müssen sie sich auf ein nervenaufreibendes Versteckspiel einlassen, denn im Dorf, zu dem das Kloster gehört, leben Mörder, die sich bedrängt fühlen. Hakim weiß zu viel, und nicht alle überlebenden Schiffbrüchigen sind erschossen worden. Ein wahrer Showdown beginnt, als klar wird, dass zu viele Helfer involviert sind und zu viele Verfolger ihre diversen Geschäfte in Gefahr sehen. 

            Jutta Motz hat bereits mit ihrem Krimi „Späte Seilschaften“ angekündigt, dass der Wirtschafts- und Bankwelt nicht mehr ihr ausschließliches Interesse als Krimiautorin gilt. Mit „Blutfunde“ stellt sie die Versäumnisse Europas und vor allem die blinde Schwäche europäischer Gerichte vor, deren Gerechtigkeitsfindung pervertiert wird: das Jahrhunderte funktionierende Hilfssystem Schiffbrüchigen gegenüber wird im Massenansturm afrikanischer und arabischer Flüchtlinge zu Grabe getragen.

            Jutta Motz hat sich mit der herrschenden Rechtslage auseinandergesetzt, recherchiert und vor Ort mit Betroffenen gesprochen. Nachwort und beigefügte Literaturliste zeugen davon. Dies macht den vorliegenden Thriller zu einem guten Vertreter der in der englischsprachigen Welt so häufigen und bei uns viel zu seltenen Krimis, denen investigativer Journalismus zugrunde liegt. Ihr ist ein spannender Roman gelungen, kein erhobener moralischer Zeigefinger richtet, die Stereotypen, die Thriller, im Dunstkreis der Mafia angesiedelt, immer wieder aufweisen, erhalten hier ein wunderbares Gegengewicht. Denn hinreißend gelang Jutta Motz die Beschreibung der Karmeliterinnen, sie überzeugen mit all ihren Schwächen und Ängsten.

            Gekonnt erweckt die gelernte Kunsthistorikerin auch Plätze und historische Orte zum Leben. Die Beschreibung eines lokalen Hintergrunds gerät nie zum Baedekker-Zitat, sondern zieht den Leser direkt weiter in die Handlung hinein. Jane und John haben bisher Flüchtlingstragödien nur aus den Medien gekannt, plötzlich müssen sie Farbe bekennen: sind ihre Ideale realisierbar? Gioia und Teo sind Träumer und Praktiker zugleich, versuchen, Schlupflöcher im Gesetzeswirrwarr zu finden und Ungerechtigkeiten zu entschärfen. Dass das gefährlich sein kann, zeigt Jutta Motz mit einem dichten Handlungsbogen voller spannender Details.

            Dieser gut konstruierte Plot, die vielen Schicksale, die ineinander greifen, und das alles innerhalb eines zeitlich recht begrenzten Rahmens machen die Qualität von „Blutfunde“ aus. Der wahre Fall der Cap Anamur, der viel zu wenig Öffentlichkeit aufgerüttelt hat, erhält mit diesem Roman einen hoffentlich von Vielen gelesenen Nachgesang.


 Beatrix Kramlovsky