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Bienek Horst: Gleiwitz. München: dtv 2000. Kart., S. 1452, Euro 24,99

Gleiwitz ist die aus vier Romanen bestehende oberschlesische Chronik Bieneks über seine Heimatstadt. "Die erste Polka" (Erstveröffentlichung 1975) und "Septemberlicht" (Erstveröffentlichung 1977) spielen im Jahre 1939, als durch den vorgetäuschten Überfall auf den Soldatensender Gleiwitz der Zweite Weltkrieg ausgelöst wird. Am Karfreitag 1943 werden in "Zeit ohne Glocken" (Erstveröffentlichung 1979) die Gleiwitzer Kirchenglocken entfernt, um zu Kanonen verarbeitet zu werden. "Erde und Feuer" (Erstveröffentlichung 1982) schildert schließlich die Vertreibung im Jahre 1945.

In allen 4 Romanen tauchen die oberschlesischen Familien Piontek und Ossadnik auf. Allerdings schildert Bienek das Geschehen episodenhaft aus unterschiedlichen Perspektiven und berichtet über viele Einzelschicksale. Auf diese Weise und auch durch die außerordentliche erzählerische Kraft des Autors wird dem Leser das damalige Geschehen in unterschiedlichen Schattierungen nahe gebracht, so die wechselvolle Geschichte der Ostjuden, die es zu Ihrer scheinbaren Sicherheit immer weiter westwärts zieht, aber auch die Assimilation der Juden in Deutschland oder die Hin- und Hergerissenheit der Oberschlesier zwischen Deutschtum, Polen und katholischer Kirche, die nicht zuletzt durch den Rückblick auf die oberschlesische Geschichte seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg deutlich wird.

Die Menschen nehmen einerseits die Möglichkeiten, die ihnen durch die Vertreibung der Juden und durch den deutschen Überfall auf Polen eröffnet werden gerne an, so betreibt Valeska Piontek mit ihrem Bruder ein florierendes Immobiliengeschäft. Anderseits werden sie nicht zuletzt aufgrund ihres Katholizismus in tiefe Gewissenskonflikte gestürzt, so der Lokführer Franz Ossadnik als er bemerkt, dass er seine jüdischen Nachbarn nach Ausschwitz transportiert. Bienek schildert auch die Vertreibung und den Brand Dresdens. Bei ersterem steht nicht die Beschreibung der Zerstörungen im Vordergrund, sondern die Darstellung des inneren Zwanges sich von der Heimat lösen zu müssen.

Eine außerordentlich lesenswerte Chronik, die viele aufwühlende Fragen anspricht und dieses mit außergewöhnlichen schriftstellerischen Mitteln. Gisela Lehmer