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David Hewson, Søren Sveistrup: Das Verbrechen.

Kommissarin Lunds 1. Fall

Originaltitel: The Killing (2012). 
Übersetzung: Barbara Heller, Rudolf Hermstein
Wien: Zsolnay 2013
ISBN 978-3-552-05598-8 21,90 €

Eigentlich will Kommissarin Sarah Lund Kopenhagen verlassen, um mit ihrem Sohn Mark zu ihrem neuen Freund, dem Kriminalpsychologen Bengt Rosling, nach Schweden zu ziehen. Ihr Nachfolger Jan Meyer hat bereits ihren Schreibtisch übernommen, doch sie verschiebt den Umzug immer wieder aufs Neue, weil sie erst den Mord an der neunzehnjährigen Nanna Birk Larsen aufklären will. Die Schülerin wurde in der Nacht nach einer Schulparty mehrfach vergewaltigt, misshandelt und gefesselt in den Kofferraum eines Mietwagens gesperrt. Dort ertrank sie, als der Wagen in einen Fluss gerollt wurde.

Wenn der Stoff nicht schon zweimal – in Dänemark und in den USA – mit realen Schauspielern verfilmt worden wäre, böten sich vielleicht Playmobilfiguren als Hauptdarsteller an, denn eine emotions- und wohl auch mimiklose Kommissarin Lund pflügt darin wie weiland Arnold Schwarzenegger in Red Heat ohne Rücksicht auf Verluste, von Müdigkeit und Dienstsuspendierung gleichermaßen unbeeindruckt, durch eine am Reißbrett entworfene Handlung, die spurtreu der Fernsehdramaturgie folgt. Das Fernsehen präsentierte in jeder der zehn Original-Folgen einen neuen Verdächtigen: mal einen Rocker, mal einen Lehrer, mal einen Politiker. Sarah Lund arbeitet sie alle gleichmütig und routiniert ab. Sie ist in ihrer vorhersehbaren Beharrlichkeit, ihrer psychologischen Eindimensionalität eher mit einer Comic-Figur, mit Mike Hammer oder Robocop verwandt als mit den Figuren etwa einer Helene Tursten oder eines Åke Edwardsson. Ein glaubhaftes Privatleben, wie es Inspektorin Irene Huss mit ihrem kochenden Ehemann Krister und beider neurotischen Zwillingsmädchen oder der anglophile Kommissar Erik Winter mit seiner Arztehefrau genießen, fehlt dieser fundamentalistischen Menschenjägerin. Erstaunlich, wie treu ihr der neue Mann in ihrem Leben zur Seite steht! Er steckt sogar einen schweren Autounfall, in den er wegen ihr verwickelt wird, kommentar- und klaglos weg. Scheint eine tolle Frau zu sein, diese Sarah Lund. Wenn man es nur merken würde!

Der Brite David Hewsen hat die sperrige Vorlage den norwegischen Drehbuchautors Søren Sveistrup mittels eines cleveren Textverarbeitungsprogramms automatisch verhüttet, als würde die Literatur exakt den selben Prinzipien folgen wie das Fernsehen (vielleicht tut sie es ja inzwischen, wer weiß?). Das Ergebnis ist dank handwerklicher Perfektion hochspannend, aber völlig seelenlos – eben wie von Playmobilfiguren bevölkert. 

 
Klaus-Peter Walter