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Helena Reich: Reinen Herzens.
Kommissar David Anděl ermittelt  

München 2012: Random House (Blanvalet 37718).

ISBN: 978-3-442-37718-3    8,99 €

Die Autorin ist gebürtige Tschechin, schreibt aber deutsch. Ihr Serienprotagonist ist Kapitán (Kommissar) David Anděl von der Prager Mordparta (Mordkommission). Sein Nachname Anděl bedeutet „Engel“.

Helena Reichs Kriminalromane sind nicht in der äußerlichen Realität des modernen Prag angesiedelt, sondern in einer innerliterarischen Realität, die die Moldaumetropole auf romantisch-kafkaeske Weise verklärt. Entsprechend wichtig in ihren Werken sind die spielerisch eingewobenen intertextuellen Bezüge. So spielt im Vorgänger-Roman Engelsfall (2009) eine wesentliche Rolle das berühmte Voynich-Manuskript, eine 1912 in einem südeuropäischen Schloss entdeckte, reich illuminierte und vermutlich alchemistische Handschrift aus dem Mittelalter. Bis heute konnte niemand den Text entschlüsseln oder die Illustrationen deuten. Möglicherweise handelt es sich aber auch nur um einen aufwändig gestalteten literarischen Scherzartikel ohne tiefere Bedeutung.

Die Erzählfolie von Reinen Herzens bildet das 2004 in Prag in der tschechischen Übersetzung von Jana Zoubková erschienene Manuskript Vrhač nožů (dt. „Der Messerwerfer“) eines deutsch-prager Autors mit dem Pseudonym Solo Lovec (dt. „Einsamer Jäger“). Jedes der 40 Kapitel von Reichs Roman trägt als Motto einem Aphorismus aus Vrhač nožů und nimmt – freilich nur losen – Bezug auf das, was nachfolgt.

Was aber folgt nach? Worum geht es? Es geht um alles, vielleicht aber auch um (fast) gar nichts. Zunächst geht es um ein abstruses Mordkomplott, aber auch um einen Deutschen, der sich nach dem Zweiten Weltjkrieg den Beneš-Dekreten zur Vertreibung der Deutschen nicht unterwarf, um ungewollte, aber dann doch gewünschte Kinder und schließlich um Atomschmuggel. James Bond hätte seine wahre Freude an dem etwas unübersichtlichen Schlamassel, in dem zu allem Überfluss ein Killer mit Eisgeschossen herumballert. Apropos 007: Felix Leiter, bei Ian Fleming James Bonds bester Freund, ersteht hier gedoppelt in den Geheimagenten Jakub „Kuba“ Lejtr und Felix Benda auf. Schriftsteller wie Pawel Kohout, Vladimir Sorokin oder Franz Kafka müssen ebenfalls ihre Namen Reichs Figuren leihen.

Am Ende lässt sich der Atomschmuggel dann doch nicht aufklären. Zu viele Zeugen sind gemeuchelt, Indizien vernichtet, das atomare Material bleibt verschwunden, und vielleicht war alles lediglich ein Missverständnis beim Belauschen eines Telefonats.

Voltaires Candide schließt bekanntlich mit den Worten, wir alle müssten „unseren Garten bestellen“, uns also auf das Nächstliegende, Private konzentrieren. Auf Anděl trifft das in jedem Falle zu. Er darf sich am Ende mit einer Tochter, von der er zwölf Jahre lang nichts wusste, Vaterfreuden hingeben.

Was bleibt, ist lediglich „der Name der Rose“, um mit Umberto Eco zu sprechen. Ein paar Indizien, mehr nicht. Das heißt, etwas bleibt doch übrign nämlich ein einzelnes herrenloses Frauenbein (um einmal ein bisschen zu kalauern), das sich niemandem zuordnen lässt. Eine hochgespannte Erwartung kippt also – wie in Hegels populärer Definition von „Witz“ – ins Nichts.

Wer Spaß hat an literarischen Vexierspielen, wird ebenso gut unterhalten wie derjenige, der die Geschichte einfach als turbulenten Kriminalroman mit eingebautem literarischem Anspruch liest.

Klaus-Peter Walter

 

PS: Die Eisgeschosse des Killers Sorokin könnten ebenfalls ein Literaturzitat sein. Eisgeschosse jedenfalls werden schon eingesetzt in Jorkens boroughs another Whiskey (1954, dt. Jorkens borgt sich einen Whisky. Zehn Clubgeschichten, 1979) von Lord Dunsany (1878-1957). Aber wer weiß das schon so genau?