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Klaus-Peter Walter: Sherlock Holmes und der Werwolf.

Eine Fälschung. (2013)

Dillenburg 2013: BLITZ-Verlag. Kart., 260 S.,        

Hele

Nach Sherlock Holmes im Reich der Ctluhlu und Sherlock Holmes und Old Shatterhand stellt der Kriminalautor und Literaturkritiker Klaus Peter Walter in Sherlock Holmes und der Werwolf  Sherlock Holmes und Dr. Watson einen neuen Fall dar.

Sherlock Holmes und der Werwolf knüpft an die Ereignisse aus Sherlock Holmes im Reich der Ctluhlu an. Dr. Watson sitzt jetzt im Rollstuhl und leidet noch immer an dem Folgen des Unglücks von  Sussew Grounds, als der Uranmotor von Professor Moriatys Laufmaschine explodierte und Radioaktivität freigesetzt wurde. Sherlock Holmes, der damals erst später hinzukam, blieb von den Strahlen verschont. Dr. Watson zieht den neuen Fall Sherlock Holmes und der Werwolf aus seinem Fundus von Aufzeichnungen und lässt ihn Revue passieren.

Der Fall ereignet sich im Jahre 1897. Watson ist gerade in die Erstausgabe von Bram Stokers Buch Dracula vertieft. Ein Unbekannter versucht in London, die Leiche der „Hässlichsten Frau der Welt“ Julia Pastrano zu schänden.

Sherlock Holmes wird derweil gleich von mehreren Besuchern um Rat gebeten. Der Apotheker Albert Prentiss Colthray behauptet, ein Werwolf hause in seinem Park, ein Straßenjunge bringt einen an Holmes adressierten, aber völlig durchnässten Umschlag, dessen Inhalt stark aufgequollen und verklebt ist, und Mrs Trewhella aus Wales bittet Holmes, das Verschwinden des Arztes Allister Barthorpe aufzuklären.

Sein Betreuer Dr. Barthorpe brachte ihren Bruder Peter aus Ostasien zurück, wo er an einer seltenen tropischen Infektionskrankheit erkrankt war. Seine Haut wurde zunehmend von Warzen überwuchert, die ihn schließlich bewegungsunfähig machten. Peters Rückkehr nach Wales wurde streng geheim gehalten. Dennoch fand in einer der Nächte vor seinem Tod ein Schusswechsel zwischen Dr. Barthorpe und einen Unbekannten statt. In der Nacht nach Peters heimlicher Beerdigung verschwand Dr. Barthorpe spurlos. Holmes und Watson begeben sich nach Wales und finden in Barthorpes Hinterlassenschaft ein Scrapbook mit Artikeln wie dem des Wiener Arztes Dr. Karl Landsteiner, der sich mit der Zusammensetzung des menschlichen Blutes beschäftigt. Dr. Barthorpe war Biologe und Chemiker und befasste sich mit seltsamen Erkrankungen. Holmes lässt das Grab Peters noch einmal öffnen. Im Sarg liegt anstelle von Peter die Leiche Barthorpes. Holmes bewegt Trewhella, diesen Mord den Behörden zu melden.

Zurück in London geschehen mehrere ungewöhnliche Vorfälle: Mrs Trewhellas teilt mit, dass ihr Ehemann Robert des Mordes an  Barthrope von der Polizei festgenommen worden sei. Holmes wird bei Nachforschungen im Londoner Hafen mit einer Eisenstange beinahe zu Tode geprügelt. Big Pete, der Wärter einer Londoner Pumpstation,  kommt beim Brand des Wärterhäuschens ums Lebens. Die Obduktion zeigt, dass Pete schon vor Ausbruch des Feuers tot war. Mit Versuchen mit Hühnerknochen beweist Sherlock Holmes, dass Pete gesamtes Blut aus dem Körper abgezapft worden war.

Watson begegnet vor der Tür der Baker Street einem Werwolf, der um Hilfe für eine Dame in Not bittet. Die verklumpten Aufzeichnungen aus dem an Holmes adressierten durchnässten Umschlag stammten von dieser Dame.

Der Werwolf wird kurze Zeit darauf tot aus der Themse gezogen. Sherlock Holmes gelingt es mittels Tiefkühlung der Blätter, die Aufzeichnungen der unbekannten Dame zu lesen: Es handelt sich um Mariloup Antrennewski und ihren Zwillingsbruder Wolfert. Beide leiden an der seltenen Blutkrankheit Hypertrichose, in deren Folge  ihre Körper überall mit schwarzen Haaren bedeckt ist. Ihr Vater Dr. Viktor Antrennewski, der aus Gesundheitsgründen von Mexiko nach Großbritannien gekommen sei, versuche die Blutkrankheit zu erforschen, mache Versuche mit Blutbehandlungen  und sammele zu diesem Zweck blutkranke Personen.

Wolferts Blut habe er durch ein Kunstblut Blut zu ersetzten versucht, aber der Versuch habe abgebrochen werden müssen. Bei seinen Forschungen sei er von einem Parasiten befallen worden und verwese seither buchstäblich bei lebendigem Leibe. Nur die technische Kühlung seiner Umgebung erhalte ihn am Leben.

Holmes gelingt es Antrennewskis Aufenthaltsort in London zu ermitteln und dringt an der Spitze eines von seinem Bruder Mycroft gestellten Trupps Seeveteranen dort ein. Die Villa ist jedoch verlassen, im Keller finden sich blutleere Leichen und eine von Antrennewski installierte Brandfalle setzt das Gebäude in Brand.
Nachtdem Mycrofts Amt ermittelt hat,  dass Antrennewski mit Gefolge mit einem Wanderzirkus nach Wien aufgebrochen ist, reisen Holmes und Watson mit einer Dampffähre und dem Oostende-Wien-Express in die österreichische Hauptstadt. Dort erwartet sie Oberst Neundlinger vom Wiener Evidenzbüro – einem Ableger des Geheimdienstes – sowie Dr. Landsteiner, der kurz vor einem Durchbruch in der Blutforschung steht. Auch bei ihm wurde eingebrochen und seine Aufzeichnungen durchwühlt; sie erwiesen sich jedoch als unleserlich. Bei einem opulenten Abendessen outet sich Landsteiner als Krimifan.

Während Holmes anderentags in der Hofoper Wagners Lohengrin mit dem Dirigenten Gustav Mahler genießt, schlemmt sich Watson durch die Wiener Cafèhäuser. Ein Bilet von Holmes’ alter Bekannter und Antagonistin Irene Adler lockt in aus dem Café Frauenhuber in eine Kutsche. Mit dieser wird er in Antrennewskis neues Domizil entführt. Dort trifft er auf Antrennewski selbsgt und dessen Tochter Mariloup.  Bei seinem Versuchen hat Dr. Antrennewski eine Homunculus als Prototyp für einen neuen Menschen erschaffen, der  ihm einen neuen Körper geben soll:

 „Ich habe für die optimalen, sagen wir, Zutaten gesorgt. Die Hände eines Pianisten, das Herz eines Sportlers – von allem nur das Beste. Allerdings ist sein Schädel bis jetzt leer, denn es fehlt noch das Gehirn“.

Das soll Sherlock Holmes liefern. Watson soll es dem Homunculus einpflanzen. Vorher jedoch muss er unter Antrennewskis Anleitung an lebendigen Schweinen üben.  Damit die Organe nicht vom fremden Körper abgestoßen werden, hatte Antrennewski das Problem der Bluttransfusion erforscht, die vier Sorten menschlichen Blutes entdeckt und so Transplantationen möglich gemacht. Mittlerweile hat Antrennewski Holmes entführt; als Watson sein Gehirn dem Homunculus einpflanzen  soll, erhebt sich Mariloup mit Igors Hilfe gegen ihren Vater und verhilft Holmes und Watson zur Flucht. Als Antrennewskis russischer Schläger Trichinin eine Kippe in das Kunstblut des Homunculus wirft, bricht erneut ein Feuer aus. Während sie vor seinem gemietetem Palais  schon von Oberst Neundlinger wartet, flieht Antrennewski mit seinen Helfern und Mariloup in das Wiener Abwassersystem. Als Neundlinger, seine Männer, Holmes und Watson die Verfolgung durch die Abwasserkanäle aufnehmen, wird Holmes durch einen Bauchschuss schwer verwundet. Es gelingt Watson, ihn noch rechtzeitig zu Landsteiner zu bringen, die Kugel zu entfernen und Holmes’ großen Blutverlust mit einer eigenen Blutspende auszugleichen. Dabei helfen ihm die Geheimnisse des Blutes, die er von Antrennewski erfahren hat. Der verschwindet mit seinem gesamten Entourage spurlos; vermutlich sind sie infolge eines gewitterbedingten Hochwassers ertrunken.

Beim Abschied am Wiener Bahnhof trägt Landsteiner die Theorie vor. Der Name Antrennewski lasse sich dieser Theorie zufolge unter Berücksichtigung einiger slawischer Lautveränderungen als Anagramm des Namens Frankenstein deuten. Holmes hält das für wenig wahrscheinlich.

Walters zweiter Sherlock-Holmes-Roman, an dem er seit seinen Studientagen mit Unterbrechungen gearbeitet hat, ist sehr spannend geschrieben und gut recherchiert.  Die vielen vorgebrachten Details sind nie überflüssig sind, sondern fügen sich im Laufe der Erzählung als wichtige Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammen. Als Sherlock-Holmes-Liebhaber gelingt es Walter hervorragend, die den Hauptfiguren von Sir Conan Dolye gegebenen Eigenschaften auf seine Protogonisten zu übertragen und gleichzeitig eine neue, moderne Geschichte zu ersinnen. Man erkennt das Vertraute und bewundert das Neue – eine äußerst gelungene Mischung. Walter nimmt den Baker-Street-Kosmos einerseits sehr ernst, spielt aber auch gleichzeitig damit. Als unverrückbarer Komment aller Holmes-Pastiches ist es, das Pastiche als nachgelassene Schrift Dr. Watsons auszugeben. Anders hier: Walter hat zahllose Textpassagen aus Werken in seinen Roman eingebaut, die Watson nicht mehr kennengelernt haben kann, gibt vor sie als Herausgeber aufgespürt zu haben und annotiert sie mit der gespielten Akribie des studierten Literaturwissenschaftlers, um sein Werk anschließend als Fälschung zu entlarven, als Watson lediglich untergeschobene apokryphe Schrift.

Die eingewobenen Zitate stammen außer aus Walters eigenen Werken unter anderem von dem sowjetischen Erzähler Daniil Granin, aus Hans Leberts Wolfshaut, aus Graham Greens Der dritte Mann, aus Mary W. Shelleys Frankenstein, aus Yoshida Kenkos Betrachtungen der Stille oder aus Samenspende von Peter Hänni. Auf diese Weise wird die Literatur selbst als erzählerischer Raum des Textes definiert. Anders als in Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu sind hier die phantastischen Elemente stark zurückgedrängt. Das setting ist ebenso realistisch wie die meisten der Figuren; das Phantastische tritt Holmes und Watson lediglich als (Literatur-)Zitat gegenüber.

Arthur Conan Dolyes Figur erlebt seit einigen Jahren im Kino und TV eine erfolgreiche Renaissance. Walters Bücher bilden hierzu ein gelungenes literarisches Pendant.

Gisela Lehmer