Menu:

Book covers



  

Ayman Sikseck: Reise nach Jerusalem. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama. Arche Literatur Verlag, Zürich-Hamburg, 2012. Geb., 192 Seiten, 18.00 Euro

 „Die Reise nach Jerusalem“ ist ein kleines Buch mit großem Inhalt. Der Autor Ayman Sikseck wurde 1984 in Jaffa geboren, er ist ein Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft. Auch Siksecks Protagonist und Ich-Erzähler ist ein junger Mann, in Jaffa geborenen, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft. Er studiert an der Hebräischen Universität in Jerusalem Literatur und pendelt ständig zwischen seiner Familie in Jaffa und der Universität in Jerusalem hin und her. In dem Notizbuch in seiner Hosentasche notiert er, was er täglich auf seinen Wegen sieht und hört auf seinem Wegen, versucht er seine Identität als hebräisch-arabisch sprechender israelischer Palästinenser zu ergründen. Sein Vater war Vorbeter in der Moschee, seine Mutter lehnt jeden islamischen Fanatismus ab. Von den Eltern arrangiert wird jedoch die Ehe der Schwester, die anlässlich ihrer Heirat auch ihr Studium beendet. Der Erzähler ist zwischen zwei Mädchen hin und hergerissen. Auf der einen Seite die schöne islamische Scharihan, die er nur heimlich oder an unverfänglichen öffentlichen Plätzen treffen kann; auf der anderen Seite die jüdische Nitzan, die als Soldatin und Wachpersonal ihre Landsleute vor arabischen Terroristen beschützen soll. Der Ich-Erzähler fühlt sich entwurzelt, mal zu den Israelis mal zu den Arabern hingezogen oder wieder von beiden abgestoßen. Gleichzeitig von Israelis und Arabern geächtet, bleibt eine große Angst zurück. In einer Szene sitzt er in einem Bus als eine große arabische Frau mit einer großen Tasche zusteigt. Alle Mitfahrenden fühlen sich unbehaglich, befürchten ein Attentat, auch der junge Ich-Erzähler. Als der Frau jedoch ihre Tasche entrissen und ausgeschüttet wird und sie den Bus verlässt, überkommt den Ich-Erzähler eine große Scham. Am Ende gibt es im Notizbuch keine freie Stelle mehr, die Erzählperspektive wechselt. Der Ich-Erzähler wird zu dritten Person, die erzählt wie der Ich-Erzähler ein fiktives Attentat im Bus von Jaffa nach Jerusalem für sein Notizbuch beschreibt,  bei dem er befürchtet „palästinensisches Opfer eines palästinensischen Anschlages zu werden. Der Ich-Erzähler erkennt, dass er das „Attentat im Kopf“ hat und auch das Notizbuch ihn nicht von seiner Angst befreien kann. Seine Schritte werden leichter und er fühlt sich getragen von einer Welt, die sich in langen Zeilen aus Tinte und Blei in seinem Notizbuch verbarg.

Ayman Sikseck hat mit „Die Reise nach Jerusalem“ ein stilles, sehr eindringliches Buch geschrieben, dass Hoffnung gibt und das Beste aus beiden Welten herbeiwünscht.

Gisela Lehmer